Pfarrer*in Johanna Stein schreibt:
"Liebe Kolleg*innen,
zugegeben, ich wehre mich erfolgreich und vehement seit vielen Jahren dagegen, Halloween zu feiern. Um ehrlich zu sein: Ich hasse Halloween. Ich mag Kostüme, ich mag die Erinnerungen an meine Kindheit, als wir am Faschingsdienstag an den Türen klingelten und mit witzigen Sprüchen um Süßigkeiten bettelten. Ich kann die Freude der Kinder daran verstehen. Aber ich mag die thematische Entführung auf Grusel, Geister, Tod, Spuk und Blut nicht. Und ich spüre – natürlich – eine Art großer Beleidigung über den Bedeutungsverlust des Reformationstages. So konnte ich mich in den letzten Jahren diesem Trubel irgendwie noch entziehen, die Kinder heimlich mit anderen Aktivitäten ablenken, um sie nicht auf die Idee zu bringen. Aber sie werden zu selbstbestimmten Wesen und nun ist es soweit: Ich kann Halloween aus meiner Familie und meinem Leben nicht mehr fernhalten.
Also halte ich es mit Dietrich Bonhoeffer: „Der Herr schenke mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann“. Und ich mache mich auf die Suche nach irgendeinem Sinn, den ich diesem vermeintlich neuen Brauch abringen kann. Und stelle dabei fest: So neu ist der gar nicht! Die Wurzeln gehen bis in vorchristliche Zeiten zurück, als die Kelten um diese Zeit das Ende des Sommers feierten. Ihrem Glauben nach kehrten zu dieser Zeit auch die Seelen der Toten zu ihrer Heimstatt zurück. Es lag also nahe, dass sich im Katholizismus in Irland dann später diese Vorstellung mit Allerheiligen und Allerseelen am 1. und 2. November verband. Und so heißt „Halloween“ auch nichts anderes als „all hallows eve“ – „Aller-Heiligen-Abend“. Irgendwie tröstet mich das, wenigstens ein bisschen. Dass ich im Wettstreit „Reformationsfest“ versus „Halloween“ immerhin sagen kann: Einen religiösen Bezug hat es auch, es geht also nicht (nur) wieder mal um den Bedeutungsverlust von Kirche gegenüber Welt.
Aber als ich meinen Kindern sagte, ich kenne mich leider mit Halloween nicht aus, weil man das in meiner Kindheit schlichtweg nicht feierte, weil da der 31.10. noch Reformationstag war, und sie mich fragten, wie wir denn dann den Reformationstag gefeiert hätten – ja, da fiel mir nicht viel ein. „Mit einem lutherischen Festgottesdienst“, sagte ich vermutlich. Hat sie nicht so beeindruckt.
Und ich habe mich gefragt: Haben wir da als Kirche vielleicht auch einfach was versäumt? Die Chance vertan, diesem Tag eine Bedeutung zu verleihen, die für die Menschen wirklich erlebbar und „feierbar“ ist? „Re-Formieren“ im Sinne von „etwas neu machen“ – wie wäre es mit großen Tausch- , Secondhand- und Reparierfesten gewesen, mit Schulprojekten, die den Lehrplan sprengen, mit Buch-, Lese- und Sprachaktionen, die an die Bedeutung der Bibelübersetzung anknüpfen, mit Burg- und Mittelalterfesten, die Luthers Leben auf der Wartburg nachspielen, mit Koch-, Pflanzen-, Gemüse- und Kräuterfesten, die seiner Frau Katharina von Bora und dem Klosterleben nacheifern? Und nicht zuletzt mit einem Ideenwettbewerb darüber, wie und wo Kirche einer Erneuerung bedarf, jedes Jahr?
Warum ist es eigentlich so schwer, zu feiern, was uns die Reformation bedeutet? Weil sie uns nichts mehr bedeutet?
Ich lerne gerade, dem Halloween-Wahnsinn etwas abzugewinnen: Wir reden über den Tod, und was danach kommt. Ob es Geister und umherirrende Seelen gibt. Und: Vor meiner Tür stehen plötzlich Menschen aus meiner Nachbarschaft, denen sonst immer nur ein knappes „Hallo“ über die Lippen kommt. Wir kommen ins Gespräch. Plötzlich reden Kinder miteinander, die seit Jahren im Hof miteinander nichts anfangen können. Haustüren stehen offen, an denen man immer umsonst geklingelt hat. Und selbst die alte Dame von untendrunter hat in ihrem Eingang Licht gemacht und wartet mit Süßigkeiten hinter der Tür. Und ich dachte immer, sie mag keine Kinder.
Wenn es irgendetwas gäbe, was Martin Luther daran gefallen hätte, dann wäre es das: Begegnung und offene Türen. Jenseits allen Grusels. Er hat keine Spaltung gewollt, sondern Dialog. Beim Namen nennen, was uns trennt. Wege aufzeigen zur Veränderung. Und Mut, sie auch zu gehen.
So ein 31. Oktober scheint mir wichtiger denn je.
Ich wünsche Euch und Ihnen allen einen bedeutungsvollen und begegnungsreichen 31. Oktober!
Johanna Stein
Theologischer Dienst BBW-Leipzig-Gruppe
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