29.03.2021

Grund zur Hoffnung

Ein Interview mit dem Sächsischen Landesbischof Tobias Bilz

Seit dem 1. März 2021 sind Sie genau ein Jahr im Amt – wie fühlt sich das an?

Ich schaue auf ein Jahr zurück, welches nicht zugelassen hat, in einen normalen Arbeitsrhythmus hineinzufinden. Corona hat die Amtsausübung von Anfang an wesentlich beeinflusst. Vielleicht hilft es mir gerade, dass ich keine „Zeit davor“ kenne. Offen gesagt, ich habe keine besonderen Gefühle im Blick auf meinen jetzigen Dienst. Es ist eine anvertraute Aufgabe, die mit Gottes Hilfe zu bewältigen ist.

Welcher Moment ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben, wenn Sie an Ihren Einführungsgottesdienst zurückdenken?

Ich sehe immer noch die wenigen Menschen mit Maske vor mir sitzen. Das war schon seltsam. Die Einführungshandlung habe ich als starke Ermutigung erlebt.

Was ist eine der ersten Aufgaben, die Sie angepackt haben?

Gleich nach Dienstbeginn hat der erste Lockdown die meiste Kraft gebunden. Daneben galt und gilt es, möglichst viele Beziehungen aufzubauen oder weiterzuentwickeln. Noch immer habe ich den Eindruck, dass ich nicht ausreichend mit den Menschen verbunden bin, für die ich da sein möchte. Basiskontakte und Ermutigung in schwieriger Zeit sind gerade besonders wichtig.

Unser Motto zum 30. Jubiläum lautet BILDUNG BRINGT WANDEL. Wir stecken mitten in einer digitalen Revolution. Warum tut sich die Kirche mit dem Schritt ins digitale Zeitalter so schwer?

In der Kirche ist uns zutiefst bewusst, dass Glaube ein personales Beziehungsgeschehen ist. Deswegen beurteilen wir digitale Medien auf ihre Möglichkeiten „echter“ Kommunikation hin. Da gibt es viel Skepsis. Ich meine zu Unrecht. Jede Form der Kommunikation hat ihre Chancen und ihre Grenzen. Man könnte das Gebet auch als „virtuelle Kommunikation“ bezeichnen.

Immer wieder habe ich auch den Eindruck, dass wir von der Digitalisierung überfordert sind. Sie verlangt Beweglichkeit sowie deutlichen Finanz- und Personaleinsatz. Zugleich wird die Erfahrung gemacht, dass sich das Erreichte sehr schnell überlebt. Dadurch entsteht großer Handlungsdruck.

Sie sind ja selbst sehr digital unterwegs, sind in den sozialen Medien vertreten und produzieren zum Beispiel einen Podcast. Müsste nicht der digitale Wandel mehr in die Ausbildung des theologischen Nachwuchses einfließen?

Jungen Menschen entwickeln ihre digitalen Kompetenzen durch eigene Erfahrung oder nutzen gezielt spezielle Angebote. Im Rahmen der theologischen Ausbildung sollte die Bedeutung digitaler Medien kritisch reflektiert und ihre Anwendung beispielhaft erprobt werden. Ein Studium, welches auf den Verkündigungsdienst vorbereitet, sollte im Blick haben, auf welchen Wegen heute Menschen mit dem Evangelium erreicht werden können.

In der Zeit der Pandemie wurden viele Gottesdienste als Livestreaming angeboten. Wie wäre es, wenn sich auch die Form des Gottesdienstes mehr an einer jüngeren Zielgruppe orientiert?

Aus der Jugendarbeit bringe ich die Erfahrung mit, dass Gottesdienste von Älteren für Jugendliche wenig Anklang finden. Das hat wohl damit zu tun, dass Ältere jugendliches Lebensgefühl oder jugendkulturelle Phänomene nur schwer mitvollziehen können. Jugendliche schätzen es eher, wenn man sie an der Gottesdienstgestaltung beteiligt. Von entscheidender Bedeutung ist wohl, dass die gewählte Form sowohl zu den anwesenden Personen als auch zu den Glaubensinhalten passt.

Sie haben lange Zeit als Landesjugendpfarrer gearbeitet, haben ein gutes Gespür für junge Menschen. In einem Interview zur Amtseinführung haben Sie gesagt:

„Ich habe mich lange Zeit schon mit Themen wie Gemeindeaufbau und Kirchenentwicklung beschäftigt und einige Ideen aus meiner früheren Tätigkeit eingepackt, da gibt es einiges, was ich gerne weiterentwickeln möchte.“

Was möchten Sie gerne weiterentwickeln?

In meiner Zeit als Landesjugendpfarrer haben wir einen breit angelegten, mehrjährigen Zukunftsprozess initiiert und durchgeführt. Er hat nicht nur Leitlinien hervorgebracht, sondern insgesamt für eine Aufbruchsstimmung gesorgt. Ich erlebe Kirche oft als zu reaktiv und wünsche mir, dass wir in fröhlicher Offensive gestalten, was unter uns lebt und wofür wir Leidenschaft haben.

„Kirche ist doch altmodisch“, „zum Gottesdienst gehen doch nur alte Leute“, „ich finde Gottesdienste total langweilig“. Was entgegnen Sie solchen Aussagen?

Solche Sätze werden formuliert, wenn sich Erfahrungen verselbstständigen. Sie begegnen mir allerdings selten. In unserer Landeskirche gibt es vielfältige Ideen und Projekte, um alternative Gottesdienstformen umzusetzen. Man sollte die Form auch nicht überschätzen. Letztlich wird der Gottesdienst dadurch attraktiv, dass er eine Gottes- und Gemeinschaftserfahrung ermöglicht. Dafür eignen sich unterschiedlichste Formen, wenn sie das, was den Gauben ausmacht, zur Geltung bringen.

Wie können wir es schaffen, junge Menschen wieder für ein Engagement in der Kirche zu gewinnen?

Jugendliche schätzen es eher nicht, für kirchliche Ziele oder gar für den Erhalt einer Organisation eingespannt zu werden. Sie wollen um ihrer selbst willen gesehen werden. Wenn sie in unseren Gemeinden die Erfahrung machen, dass sie gewollt sind, Gestaltungsspielraum bekommen und das, was sie vertreten, ernst genommen wird, werden sie sich gern engagieren. Wenn es dann noch Erwachsene gibt, die sie unterstützen und fördern, besteht Grund zur Hoffnung.

Welchen Anteil trägt dabei auch die schulische Bildung, die Fächer Religion oder Ethik?

In diesen Fächern werden die Fragen nach Sinn und Ziel des Lebens vielfältig aufgeworfen. Heranwachsende werden mit Hilfe aufbereiteten Unterrichtsmaterials und geeigneter Methoden zur Reflexion ihrer Erfahrungen angeregt. Es geht um Persönlichkeitsentwicklung im weitesten Sinn. Idealerweise kommt es zu einer Wechselbeziehung mit dem, was in der Gemeinde geschieht.

Was glauben Sie, warum so viele Menschen aus der Kirche austreten?

Jeder Kirchenaustritt hat seine eigene Geschichte. Manchmal steckt eine persönliche Enttäuschung dahinter, andermal eine schleichende Entfremdung. Nach meiner Erfahrung kommt es seltener zum Austritt, wenn Mitglieder Christen persönlich kennen, die ihrer Meinung nach überzeugend für das stehen, was Kirche ihrem Wesen nach ausmacht.

Einmal getauft, immer getauft. Diejenigen, die aus der Institution Kirche austreten, fühlen sich dann nicht mehr dazugehörig und werden z.B. nicht mehr zu Gemeindefesten eingeladen.

Nach einem Austritt gibt es oft eine Verlegenheit auf beiden Seiten. Natürlich ist mit dem Austritt etwas anders geworden, was nicht einfach ignoriert werden kann. Ausgetretene brauchen aber Signale, dass sie nach wie vor willkommen sind. Meistens muss erstmal etwas Zeit vergehen, bis sich ein neuer Anknüpfungspunkt ergeben kann.

Mein Glaube hängt doch aber nicht von meiner Mitgliedschaft ab, oder?

Von Mitgliedschaft gewiss nicht, von Gemeinschaft schon. Mitgliedschaft kann zur Gemeinschaft dadurch beitragen, dass sie die Zusammengehörigkeit objektiviert. Wenn ich Mitglied bin, hängt nicht mehr alles von meinem momentanen Glauben oder den gerade anwesenden Personen ab. Ich gehöre auch in Zeiten des Zweifels dazu. Das kann auch Festigkeit geben.

Haben Sie schon einmal an der Existenz Gottes gezweifelt?

Ich bin in einer christlichen Familie groß geworden und kenne es nicht anders, als dass man von der Existenz Gottes ausgeht. Bestimmt habe ich unterschiedlich stark mit der Gegenwart Gottes gerechnet, nie aber an seiner Existenz gezweifelt. Sie ist für mich so selbstverständlich wie die Luft, die ich atme.

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Christine Heuer

Christine Heuer

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